Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen.

Aristoteles

Die Geschichte der «In Labore Virtus»

Der Weg zum Licht.

Die Spur, welche nach 18 Jahren zur Gründung der Loge «In Labore Virtus» führen wird, wurde am 14. Januar 1884 gelegt. Damals traten «ungefähr 20 Männer aus Zürich und Umgebung im Alter von 30-60 Jahren zusammen, um eine Loge ähnlich derjenigen der Freimaurer zu gründen». Ihr Name: «Loge zu den Eidgenossen», ihr Motto: «Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Zu bemitleiden ist der, welcher Menschenliebe nicht besitzt». Es waren tüchtige Männer, welche hart arbeiten mussten, um ihre Familien durchzubringen: Schuhmacher, Fergger, Commis, ein Schmid, ein Maurer.

Wesentliche Tätigkeit der Loge war die Verwaltung von Kranken-, Sterbe- Spar- und Vorschusskassen. In einer Zeit, als es noch keinen Sozialstaat gab, waren solche Vereinigungen nicht selten. Es galt, durch die Mitgliederbeiträge für finanzielle Härten in der Familie durch Krankheit, Unfall oder frühzeitigen Tod vorzusorgen. Um gegenseitige Solidarität und Vertrauen zu schaffen, traf man sich jeden Sonntagmorgen, und um vermehrtes Verantwortungsbewusstsein zu schaffen versuchte man, freimaurerische Gebräuche zu übernehmen.

Anfragen sowohl bei der schweizerischen Grossloge «Alpina» wie auch bei der Züricher Loge «Modestia cum Libertate» wurden jedoch abgewiesen. Dort war man der Ansicht, dass die Loge doch nur zum geringsten Teil freimaurerischen Charakter zeige. Auch Verhandlungen mit den Odd Fellows blieben ohne Erfolg. Dann fand man schliesslich 1896 Anschluss bei der eben in Paris gegründeten gemischten «Grande Loge du Droit Humain». Aus der Loge «zu den Eidgenossen» wurde die Loge «zum Menschenrecht». Doch dieser gemischten Loge war kein guter Stern beschieden. Schon 1901 traten 15 enttäuschte Brüder aus und konstituierten sich wieder als Loge «zu den Eidgenossen». Sie besorgten sich Rituale einer deutschen Loge, die den Regeln der regulären Freimaurerei entsprachen. Nun suchten sie mit aller Energie Anschluss an die «Alpina». Diesmal mit Erfolg. Es war vor allem das Geschick von Br. Hermann Wassmuth, der es fertigbrachte, die verschiedenen Standpunkte unter einen Hut zu bringen. Wassmuth, ein feinfühliger und erfolgreicher Kunstmaler, wurde in Livorno zum Freimaurer aufgenommen und war besuchender Bruder der «Modestia cum Libertate».

Im Laufe des Sommers 1902 wurden die Mitglieder der «Eidgenossen» von 7 Meistern der «Modestia cum Libertate» geprüft und aufgenommen. Die Rektifikationsloge fand am 17. August 1902 statt. Die offizielle Konstitution fand am 27. September 1902 im Restaurant «Schmiedstube» in Zürich statt, wobei die neue Loge den Namen «In Labore Virtus» annahm und den Bruder Fritz Rohrer zu ihrem ersten Meister vom Stuhl wählte. Die Loge übernahm ausserdem das auf Diethelm Lavater zurückgehende Ritual ihrer Mutterloge «Modestia cum Libertate».

Die Loge besass zunächst einen eigenen Tempel an der Mainaustrasse, der aber durch die rasch anwachsende Zahl der Brüder bald zu klein wurde, so dass sich die Loge im Zunfthaus «Zur Zimmerleuten» einmieten musste. 1909 konnte sie dann in das erweiterte Logengebäude der Loge «Modestia cum Libertate» auf dem Lindenhof einziehen, wo seither alle Arbeiten stattfinden. Während der Zeit des Ersten Weltkrieges wurde nur sehr selten gearbeitet, doch brachten die Nachkriegsjahre der Loge sehr hohe Mitgliederzahlen: 1921 bereits über 100 und 1931 sogar 171 Brüder.

Doch am Horizont zogen Wolken auf. Schon zu Beginn der zwanziger Jahre entstanden dem Freimaurerbund in Offizierskreisen in Deutschland mächtige Feinde. Der Freimaurerei wurde die Schuld am 1. Weltkrieg in die Schuhe geschoben. Auch schweizerische Kreise wurden von dieser Hasswelle infiziert, prominente Zürcher Freimaurer verunglimpft, Brüder beim Gang auf den Lindenhof angegriffen. Eine Vereinigung von Frontisten unter dem Vorsitz von Oberst Fonjallaz lancierte eine Initiative zum Verbot der Freimaurerei. Mutig und an vorderster Front trat auch Br. Franz Wyss, Meister vom Stuhl der «In Labore Virtus» in öffentlichen Versammlungen auf. Mit Erfolg. Die Initiative wurde 1937 klar abgelehnt.

Doch viele Freimaurer traten in diesen Jahren steter Gefahr aus der Loge aus. 1945 zählte diese gerade noch 79 Mitglieder. Die standhaft gebliebenen Brüder litten unter dieser Zaghaftigkeit. Sie traten umso fester zusammen. Nachfolgende Generationen sind vorsichtig im Urteil. Wer von uns hätte diesem Druck und der leibhaftigen Gefahr für Beruf und Familie standgehalten? Umso grösser bleibt die Achtung vor den Mutigen, die durchgehalten haben. Sie sind bis heute unsere Vorbilder.

Nach dem 2. Weltkrieg hat sich der Logenbestand langsam und stetig konsolidiert. Die «In Labore Virtus» zählt heute zu den grossen Logen im Land und erfreut sich seit vielen Jahren eines harmonischen und inspirierenden Logenlebens. Aus den bescheidenen Anfängen hat sich eine umfassende Tradition entwickelt, die es zu pflegen gilt. Die «In Labore Virtus» konnte in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zum Gedeihen der Freimaurerei auf dem Lindenhof und in der «Alpina» beitragen. 1964 half die Loge, zusammen mit den anderen Zürcher Logen, die Loge «Catena Humanitatis» zu rektifizieren. 1983 wurde sie selbst Mutterloge der rektifizierten Loge «Aurora Humanitatis».

Die soziale Struktur der Mitglieder hat sich dem Stand der anderen Logen angeglichen. Aber nach wie vor fühlen sich die Brüder ihrer Herkunft verpflichtet und wollen sie nicht vergessen.

Logengebäude

Der Lindenhof im Herzen der Stadt Zürich.

Der Lindenhof ist ein geschichtsträchtiger Boden. Die Römer hatten hier ein Kastell mit Zollstation. Im Mittelalter war der Lindenhof eine mittelalterliche Königspfalz. Diese Kulturen haben ihre Spuren hinterlassen. Die Grundmauern des römischen Kastells sind auf Anfrage hin zu besichtigen.

Die Loge «Modestia cum Libertate» war zuerst im Hotel «Schwert», dann im Haus «Zum Wilden Mann» am Rennweg zu Hause. 1850 eröffnete der Hausbesitzer, der auch Mitglied der Loge war, dass er mit seiner Familie nach Amerika auswandere und das Haus verkauft habe. Zwei Jahre hatte die «Modestia» Frist, um ein neues Zuhause zu finden.

Nach dem Sommerjohannisfest 1851 besahen sich einige Brüder das der Familie Gessner gehörige Haus «Zum Paradies» auf dem Lindenhof. Die Brüder Conrad Meyer-Hofmeister, Leonhard von Muralt, Kaspar Freudweiler, Conrad Ziegler, Gustav Albert Wegmann und Heinrich von Orelli kauften das Haus für 15000 Gulden und dazu vom Stadtrat 544 Quadratfuss Land zu einem Franken pro Quadratfuss zur Abrundung und boten es am 8. November 1851 der Loge zu diesem Preis an. Die Offerte wurde freudig angenommen, und es wurde gleich eine Baukommission bestellt. Am 22. Mai 1852 akzeptierte die Loge das vom Architekten Gustav Albert Wegmann ausgearbeitete Bauprojekt.

Am 7. Juni begannen der Abbruch des alten Gebäudes und die Ausgrabungen. Dabei fand man römische Münzen aus der Zeit Valentinians, römische Ziegel und ein Brustbild einer Bronzeskulptur, ferner Ofenkacheln und einen Teil eines Grabsteins aus dem Mittelalter. Alle diese Funde wurden der Antiquarischen Gesellschaft übergeben (heute im Landesmuseum Zürich). Am Sommerjohannisfest 1852 gingen die Brüder mit der Rose geschmückt auf den Bauplatz zur feierlichen Grundsteinlegung. In den Grundstein des Tempelgebäudes wurde eine Denkschrift versenkt. Nachdem noch in geschlossener Kette der Neubau dem Segen des Allmächtigen Baumeisters aller Welten empfohlen worden war, begab sich der Zug ins Logenlokal «Zum Wilden Mann» zurück. Am 29. April 1854 wurde der Bau von Bruder Albert Wegmann unter bester Verdankung abgenommen und am 30. April 1854 in einer gut besuchten Festloge eingeweiht.

Grössere Umbauten mit der Erstellung eines neuen kleineren Tempels fanden anfangs der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts statt.

 

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